Autobiografisch Schreiben – ist mein Leben erzählenswert?

Schreiben macht Spaß, manchmal aber auch Arbeit. Diese Erfahrung bleibt niemandem erspart, der sich einem Buchprojekt widmet. Das autobiografische Schreiben bildet da keine Ausnahme, eher im Gegenteil: Der Wunsch und das Bedürfnis, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen, kann einen großen Schritt für die eigene Entwicklung bedeuten, aber auch eine große Herausforderung sein, die gemeistert werden will, ehe ein Stück des eigenen Lebens erzählt und der Weg nach außen geschafft wird.

Egal, ob als Erlebnisbericht, als Teil eines Ratgebers oder als Familiengeschichte – wer sich sich an einer Autobiografie versucht, sieht sich ganz bestimmten Fragen und Aufgaben gegenüber. Denn das autobiografische Schreiben bietet ein paar besondere Hürden, die uns das Schreiben schwer machen können.

Die erste davon ist meistens der Zweifel: Ist mein Leben interessant genug? Ist mein Leben es wert, erzählt zu werden? Interessiert das überhaupt irgendwen? Will das jemand lesen?

Zweifel an der eigenen Geschichte

Zweifel sind bei Autoren und Autorinnen nichts Ungewöhnliches. Wir alle gelangen irgendwann beim Schreiben an den Punkt, an dem wir nicht sicher sind, ob das, was wir da verfassen, wirklich Hand und Fuß hat oder ob es nicht der größte Blödsinn überhaupt ist. Ganz egal, ob wir einen Roman, eine Kurzgeschichte oder eine Biografie oder Autobiografie schreiben – irgendwann sind wir immer fest davon überzeugt: das wird nichts. Diesmal wird es nichts, es wird nicht gelingen, aus einer Idee die Geschichte zu machen, die uns vorschwebt.

Eine befreundete Autorin, die schon mehrere erfolgreiche Romane veröffentlicht hat und ein echter Profi ist, schrieb mir neulich, dass sie eigentlich an ihrem Manuskript arbeiten wollte, dann aber festgestellt hat, dass sie wohl nicht intelligent genug ist zum Bücherschreiben. Ich hab sehr gelacht – und fand das wieder mal beruhigend: Es gibt Dinge, die sind uns allen gemein, und die lassen sich nicht abstellen, egal, wie gut und erfolgreich jemand ist. Zweifel gehören einfach zu jedem kreativen Prozess und damit auch zum Schreiben. Das geht uns allen so. Wenn wir unser Schreibhandwerk beherrschen, wird es am Ende trotzdem klappen. Dieses Wissen hilft dabei dranzubleiben und immer weiterzumachen, bis die Geschichte erzählt, der Roman geschrieben ist.

Vor dem erfolgreichen Abschluss aber steht eben der erwähnte Zweifel, und beim autobiografischen Schreiben ist dieser Zweifel besonders schwer zu überwinden, denn er ist viel grundlegender. Hier geht es nämlich nicht nur darum, an irgendeiner Stelle nicht die richtigen Worte zu finden oder nicht ganz sicher zu sein, ob ein bestimmtes Kapitel eher an den Anfang oder in die Mitte vom Buch gehört. Wenn es darum geht, die eigene Geschichte zu erzählen, stellt der Zweifel das Projekt überhaupt in Frage. Und deswegen höre ich beim Thema autobiografisches Schreiben immer wieder: Ist mein Leben es überhaupt wert, daraus zu erzählen? Ist das interessant, für irgendwen?

Jedes Leben ist erzählenswert, denn jedes Leben ist besonders

Die Antwort auf diese Frage lautet: ja! Grundsätzlich ist jedes Leben erzählenswert, besser noch: ist jede Episode aus einem Leben erzählenswert. Denn jedes Leben ist einmalig und besonders, selbst wenn vielleicht gar nichts besonders Aufregendes darin passiert. Weil es in einer bestimmten Epoche stattgefunden hat, die ebenfalls einmalig ist, weil niemand vorher und niemand danach diese Zeit genau so erlebt hat wie du oder ich.

Jemand, der in den 80er Jahren 20 war, hat diese Zeit anders erlebt als jemand, der damals in die zweite Klasse ging und auch als jemand, der schon ein Leben voller Verantwortung mit Beruf und Familie hatte. Alles Erleben ist einmalig. Das vergessen wir oft, wenn wir zögern, weil wir unsere Geschichte eigentlich gern erzählen wollen, aber ein kleines mahnendes Stimmchen immer sagt: Das interessiert doch keinen. Wer will denn das wissen?

Doch, es interessiert. Menschen sind neugierig und lesen gern über das, was andere Menschen erlebt haben. Weil sie sich darin wiedererkennen und gleichzeitig etwas Neues erfahren können: Ähnliche Erlebnisse, aber ein anderer Kontext. Wir alle waren mal Teenager, wir alle hatten Krisen und Erfolgserlebnisse im Leben, haben Menschen gefunden und verloren – aber jedes Erleben stand immer in Verbindung mit etwas ganz Persönlichem und unseren ureigenen Erfahrungen: einer ganz bestimmten Familiensituation, einem ganz bestimmten Ort, zu einer ganz bestimmten Zeit. Daraus ergibt sich für jede Geschichte eine Mischung aus Fremdem und Vertrautem, und diese Mischung ist es, die gerade persönliche Geschichten auch für andere so interessant machen.

Voraussetzung ist allerdings – und jetzt kommt der Haken: Die Geschichte sollte gut erzählt sein. Langweilige Bücher will niemand lesen. Ob etwas langweilig ist oder nicht, richtet sich allerdings zum großen Teil nicht danach, ob die Ereignisse, von denen erzählt wird, besonders aufregend waren oder eher alltäglich und fast banal. Sondern danach, wie erzählt wird.

Ich kann eine ganz außergewöhnliche Reise mit täglich spannenden Erlebnissen gemacht und dabei jede Menge bekannter und berühmter faszinierender Menschen getroffen haben – wenn ich es nicht schaffe, die Atmosphäre und den Zauber der Erlebnisse in die richtigen Worte zu fassen, wird mir kaum jemand zuhören wollen.

Im Gegensatz dazu kann ein Gang vom Sofa zum Kühlschrank im eigenen Haus alles sein von aufregend bis komisch, wenn ich daraus ein minutiös geschildertes Abenteuer mache, in dem ich nicht nur gegen den inneren Schweinhund (die Trägheit! Die guten Vorsätze!), sondern auch mit dem verschwundenen Pantoffel, dem diebischen Kleinsthund und dem ständig klingelnden Handy kämpfe – ihr seht das Bild?

Nicht der Stoff allein ist es also, der eine Geschichte spannend und ein Erlebnis interessant macht. Sondern die Art und Weise, wie ich diese Geschichte präsentiere.

Schreib deine Autobiografie wie einen Roman

Das ist jetzt ein bisschen übertrieben. Aber es ist tatsächlich sinnvoll, sich nicht nur für einen Roman oder eine Kurzgeschichte mit den Regeln guten Erzählens auseinanderzusetzen. Sondern auch bei einer Autobiografie oder Biografie.

Menschen erzählen einander seit Urzeiten Geschichten. Und auch wenn sich unsere Vorstellungswelt über die Jahrhunderte verändert hat, unsere Art zu erzählen ist im Wesentlichen gleich geblieben. Schon immer waren unsere Geschichten nach ganz ähnlichen Mustern aufgebaut, das ist eingehend erforscht und untersucht worden. Und nur deshalb ist es möglich und sinnvoll, Schreiben zu unterrichten: Es gibt Handwerkszeug fürs Erzählen, und das lässt sich erlernen. Diese Erzählmuster bilden das Grundschema aller Geschichten auf der ganzen Welt – und deine persönliche Stimme, dein Erleben macht dann etwas Einmaliges und Individuelles daraus.

Den Zweifel, ob deine Geschichte erzählenswert ist oder nicht, kannst du also überwinden.

Der erste Schritt: Nimm dir etwas Zeit und überlege dir, was du erzählen willst. Ein ganzes Leben aufzuschreiben ist in der Regel wenig sinnvoll. Besser ist es, eine Auswahl zu treffen und einen bestimmten Aspekt deines Lebens auszuwählen: einen Zeitabschnitt oder ein Thema.

Der zweite Schritt: Überlege dir, wie du erzählen willst. Selbst wenn du nur für deine Familie oder den engsten Freundeskreis schreiben willst, ist es hilfreich, die Geschichte wirklich gut zu erzählen. Denn wenn sie langweilig ist, dann werden deine Freunde oder Verwandten zwar gern deine Geschichte entgegennehmen, aber mehr als die ersten Sätze oder vielleicht noch Seiten werden sie kaum lesen, wenn es dir nicht gelingt, deine potenzielle Zuhörerschaft in den Bann zu ziehen. Wir alle haben zu viel um die Ohren und zu wenig Zeit, um sie mit Dingen zu verbringen, die uns nicht interessieren. Wir lassen uns gern unterhalten. Selbst schwierigen Themen können wir uns stellen, wenn sie so nahe gebracht werden, dass die Menschen, für die sie gedacht sind, sie gut verstehen und gern darüber lesen.

Wenn du also möchtest, dass deine Geschichte gehört wird, dann besteht deine erste Aufgabe darin, deine potenziellen Leser und Leserinnen dafür zu interessieren. Und das machst du, indem du gut erzählst. Dein Thema wird wahrgenommen und kommt an bei den Menschen, für die sie gedacht ist. Denn wenn die sich gesehen fühlen, wissen sie, dass du sie ernst nimmst und dir extra für sie die Mühe gemacht hast, eine gute Geschichte zu erzählen.

Eine Situation, von der beide Seiten nur profitieren können!

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