Textunkraut – Stilblüten wachsen überall

Stilblüten sind wie Unkraut – man kann sich noch so viel Mühe geben, ein paar überleben immer und verunstalten den Gesamteindruck. Wenn du weißt, worauf du achten solltest, ist es viel einfacher, die häufigsten Gefahrenzonen rechtzeitig zu erkennen und die Stilblüten zu entfernen.

Körperteile, die ein Eigenleben führen

Ich fange mal mit dem Klassiker an: Die Körperteile, die ein Eigenleben führen. Die Möglichkeiten sind da nahezu unbegrenzt, aber dieses Beispiel aus einem Roman fand ich besonders anschaulich (Die Details hab ich leicht abgeändert, damit sich niemand auf den Fuß getreten fühlt):

„Als sie hereinkam, hatten alle Augen im Ballsaal auf ihr gelegen.“

Mein erster Gedanke: Die Arme! Mein zweiter: Die arme – Autorin nämlich, der hier eine schöne romantische Szene unfreiwillig komisch geraten ist. Es handelte sich bei dem betreffenden Roman keineswegs um ein Horror- oder Thrillerszenario, in dem abgetrennte Körperteile schon mal vorkommen, sondern um einen Liebesroman. Nun können aber Augen nicht auf jemandem liegen, so sie das nicht in einiger Entfernung vom restlichen Körper tun – aber das will ich mir lieber nicht vorstellen. In den meisten Fällen sind es tatsächlich die Blicke, die auf jemandem ruhen, auf ihn resp. sie gerichtet sind – die Augen aber bleiben schön brav an ihrem Platz und tun nichts weiter, außer sehen, schauen, gucken, starren, blicken. Was mich zu einem weiteren Beispiel bringt

Noch einmal die Augen, ein anderes Beispiel aus einem anderen Roman – wieder leicht abgeändert:

„Die Augen der Frauen, die ohne Hoffnung in tiefen Höhlen lagen.“

Ein Unglück, irgendwo in vielleicht unwegsamer, felsiger Landschaft, bei dem einige Frauen in unterirdischen Kammern eingeschlossen und unerreichbar sind? Nein, nur ein unglücklicher relativer Satzanschluss 🤓 Der Relativsatz, der nach dem Komma steht, könnte sich nämlich auf beide beziehen, die Augen und die Frauen, und da unser Hirn manchmal etwas faul ist, fügt es die Wörter zusammen, die einander am nächsten stehen. Und wir lesen: „Die Frauen, die in tiefen Höhlen lagen.“ Und denken: Hä? Denn im Kontext der erzählten Geschichte ergibt das keinen Sinn, die Szene spielte in einem Armenviertel im viktorianischen London. Gemeint sind die Augen, die in tiefen Höhlen lagen (oder lagen sie vielleicht tief in den Höhlen …?). Das alles läuft in unseren Köpfen innerhalb eines winzigen Moments ab, aber das reicht, um den Lesefluss zu unterbrechen, und so ein paar winzige Unklarheiten können die Stimmung eines Romans ganz schnell empfindlich stören.

Vorsicht, Stilblütengefahr: Redensarten

Eine weitere beliebte Quelle für Stilblüten aller Art sind Redensarten. Jawohl, genau die Sätze, die wir alle ständig ganz selbstverständlich benutzen. Trotzdem finde ich beim Lesen immer wieder einige, bei denen irgendwer beim Schreiben nicht ganz genau überlegt hat, wie diese Redewendung noch hieß. Ein Beispiel? Klar, mehrere!

„Er muss aufhören, auf der Tasche seiner Eltern zu liegen“, schrieb mal jemand, und ich stellte mir sofort vor, wie unbequem das sein musste. Vor allem für die Eltern, die sich allem Anschein nach auch noch eine einzige Tasche teilten. Vermutlich, weil ihnen der Herr Sohn immer noch auf der Tasche lag. Richtig, darum geht es: Der Sohn liegt den Eltern auf der Tasche, und er liegt nicht etwa auf der Tasche seiner Eltern.

Eine andere Redensart bekommt ganz schnell die absolut gegenteilige Bedeutung, wenn etwas geworfen, die Präposition dabei aber verwechselt wird. Dieses Beispiel las ich online in einem Zeitungsartikel.

„Sie warf ihm den Blumenstrauß zu Füßen“

Nein! Ganz im Gegenteil – nichts lag ihr ferner. Eine Frau hatte sich über eine andere Person geärgert und schleuderte den Blumenstrauß, der ihr soeben überreicht worden war, dem Geber umgehend vor die Füße. Genau – das ist etwas anderes: wenn ich jemandem etwas vor die Füße werfe, dann bin ich wütend. Wenn ich ihm aber etwas zu Füßen werfe oder lege, dann hat das eine völlig andere Bedeutung, denn das ist eine Geste der Zuneigung oder Demut – Wut spielt hier keine Rolle.

Ebenfalls um die Präposition geht es hier: „Sie ließ sich in ihren Stuhl fallen“. Also – nein. Das geht aus mehreren Gründen gar nicht. Man kann in einem Sessel sitzen, ein Sessel ist ein weiches, gepolstertes Möbelstück mit Lehnen, in dem man je nachdem geradezu einsinken kann. Aber immer nur auf einem Stuhl sitzen. Und – erinnert sich jemand an die Frage beim Arzt (Tierarzt, Kinderarzt …): „Ist der Stuhl fest oder weich?“ Also bitte niemals in den Stuhl fallen lassen. Nur auf denselben.

Und ein letztes Beispiel, dies aus einem ebenfalls bereits veröffentlichten Roman: Der Protagonist hat einen anstrengenden Tag hinter sich, fällt am Abend erschöpft ins Bett – und er „schlief wie in Adams Schoß.“ Das stand da so selbstverständlich in einem Bestseller, dass ich zur Sicherheit noch einmal nachgesehen hab, ob mir irgendeine Bedeutungsänderung entgangen ist – aber nein. Wer ruhig, fest, sicher und geborgen schläft, der macht das in Abrahams Schoß. Adam war der, der am Ende aus dem Paradies flog, der stand eher nicht so für Sicherheit und Verlässlichkeit. Fazit: Bei Redensarten muss man wirklich gehörig aufpassen, nicht knapp daneben zu greifen.  Passiert mir übrigens auch, wenn ich nicht konzentriert genug bin. Deshalb: Lieber zweimal nachsehen, wie der Spruch wirklich geht, oder besser noch: jemand anderen gegenlesen lassen.

Wer, was und mit wem? Wir denken in der Ich-Form

„In seinem Ohr flüsterte ihm seine Stimme etwas zu. Genau wie sein Vater, dachte er.“

Eines Abends, ich war schon ziemlich müde, las ich diese Sätze und dachte, wie so häufig an ähnlichen Stellen, sehr unelegant: Hä? Ich war mir nicht sicher, ob es an der späten Stunde lag oder an dem Text und las den Satz noch einmal – aber es wurde nicht besser. In einem Ohr flüstert die Stimme irgendeines Menschen etwas, und um wessen Vater geht es? Den des Stimmenbesitzers? 🤔 Dröseln wir mal ein bisschen: Hier flüstert nicht etwa eine Person, sondern eine Stimme. Körperteile sollten kein Eigenleben führen, das gilt auch für Stimmen.

Diese Stimme also flüstert höchst selbstständig in seinem Ohr – auch das ist selbsterklärend, an der Schulter wäre das ja auch sinnlos. So weit nicht gelungen, aber im Grunde verständlich. Fatal wird das Ganze beim Vater: zu viele mögliche Bezüge behindern die Eindeutigkeit. Wessen Vater? Der des Denkers? Der, dessen Stimme so selbstständig den Weg ins Ohr gefunden hat? Ich habe tatsächlich einen Moment gebraucht, bis ich begriff, dass sich das auf die Person des Denkenden bezog. Dieser grundlegende Fehler, der so oft das Verständnis erschwert, begegnet mir in Variationen sehr oft: eigene Gedanken der handelnden Figur werden in der 3. Person wiedergegeben. Tatsächlich denken wir immer in der 1. Person, und ich empfehle dringend, das so auch zu schreiben. In diesem Fall würde hier stehen: Genau wie mein Vater, dachte er. Damit ist auch klar, um wessen Vater es sich handelt 😉 Und die Stimme sollte eben nicht in seinem Ohr flüstern, sondern ihm ins Ohr. Und schon wären alle Möglichkeiten zu Missverständnissen und Irritation, die den Lesefluss unterbrechen können, mühelos ausgeräumt. Also: Gedanken immer in der Ich-Form, und keine Körperteile (Stimme eingeschlossen) selbstständig agieren lassen. Damit ist schon einigen Stilblüten die Existenzgrundlage entzogen.

Fazit: Stilblüten gedeihen in allen Texten prächtig – vorausgesetzt, wir schaffen es nicht, ihnen den Nährboden zu entziehen. Wenn du ein paar Punkte beachtest, kannst du sie aber leicht minimieren. Denn auch wenn sie für sich allein wie alle Blüten durchaus charmant sein können, so können sie in einem liebevoll angelegten Text den Gesamteindruck doch sehr massiv stören. Textunkraut, sozusagen – und das gehört da nicht hin.

4 Kommentare zu „Textunkraut – Stilblüten wachsen überall“

  1. Witzig, gerade habe ich ein Zitat recherchiert, dann stolperte ich über deinen Artikel. Das Zitat hätte das Zeug zur Stilblüte gehabt – und ich werde in Zukunft noch mehr darauf achten. 😉 Liebe Grüße Kirsten

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