textmelodie

Textmelodie – bring dein Buch zum Klingen!

Viel zu selten wird beim Schreiben eine Grundeigenschaft unserer Sprache genutzt: Ihre Melodie.

Ich bin Vielleserin. Und Vielschreiberin. Seit vielen, sehr vielen Jahren. Und ungefähr ebenso lange beschäftige ich mich schon damit, was gutes Schreiben ausmacht. Wie Besserschreiben geht. Welche vielen kleinen Dinge das Extra bilden, das aus einem beliebigen, handwerklich anständig gearbeiteten Text einen schönen Text macht. Einen Text, der gern gelesen wird und genau das kommuniziert, was der Autor oder die Autorin der Leserschaft sagen möchte. Beim Schreibcoaching geht es einmal um das große Ganze, um Aufbau und Struktur, aber immer wieder auch um Details. Und zu diesen Details gehört die Textmelodie.

Mir fällt nämlich immer wieder auf, wie oft der Klang der Sprache vernachlässigt und wie selten auf die Melodie eines Satzes geachtet wird.

Ja, Sprache hat eine Melodie! Jedes Wort, jeder Satz hat einen bestimmten Klang. Dieser Klang kann hart und unrhythmisch sein oder harmonisch und fließend – beides hat eine ganz eigene Wirkung auf die Leser und Leserinnen, und das solltest du dir beim Schreiben zunutze machen.

Finde die richtige Melodie für dein Buch

Wie dein Text klingt, das wird deinen Lesern und Leserinnen nicht sofort auffallen, wenn sie hastig die Zeilen überfliegen, um möglichst schnell zu erfahren, wie deine Geschichte weitergeht. Das liegt daran, dass wir einen harmonischen Textfluss als selbstverständlich empfinden. Erst wenn diese Harmonie fehlt, dann werden wir aufmerksam. Weil unser Lesefluss ins Stocken gerät, weil wir an komplizierten Satz- und Nebensatzstrukturen hängenbleiben oder weil eine Wortfolge schwer verständlich und eine unübersichtliche Konsonanten- und Vokalfolge uns innehalten und die Wörter Buchstabe für Buchstabe lesen lässt. Was wir bewusst zur Kenntnis nehmen, ist also in der Regel nicht ein besonders mitreißend formulierter Textfluss – sondern das Fehlen desselben. Wir bemerken nur die Störer, nicht das, was gelungen ist.

Und genau deshalb ist es sinnvoll, auf den Klang deines Textes zu achten.

Denn ob wir das wollen oder nicht und ob er gelungen ist oder nicht – der Textklang ist da. Er steckt in jedem Wort, in jedem Satz. Er beeinflusst die Art und Weise, wie deine Leser und Leserinnen dein Buch wahrnehmen, ob sich dein Roman flüssig lesen lässt, was ein angenehmes Lesegefühl verursacht, oder ob sie zwischendurch ins Stocken kommen, was für deine Leserschaft eher unangenehm ist. Die Textmelodie beeinflusst das Leseerlebnis. Und damit dieses Leseerlebnis ein angenehmes ist, sollte deine Geschichte harmonisch komponiert sein, egal, ob es sich um einen spannenden Thriller oder einen romantischen Liebesroman handelt. Sprachmelodie bietet so viele Möglichkeiten – sie kann wie Heavy Metal sein oder wie eine sanfte Ballade – immer aber sollte ihr Klang bewusst eingesetzt werden.

Wie finde ich die richtige Textmelodie?

Der Klang eines Textes beginnt bei einem einzelnen Wort.

Jedes Wort setzt sich zusammen aus Vokalen und Konsonanten. Vokale sind dunkel oder hell, Konsonanten können weich klingen oder hart, zischen oder beim Sprechen ein sanftes Summen verursachen. Manche machen auch ein leichtes „Plopp!“, besonders gut zu hören beim Sprechen am Mikrofon – wer meinen Podcast hört, weiß, was ich meine.

Songs machen sich das zunutze, indem sie Worte mit einer Melodie unterlegen. So, dass die beiden zusammenpassen. Aber eigentlich braucht es das gar nicht, denn die Wörter allein haben schon eine Melodie, und die kann sich verändern, je nachdem, wie du deinen Satz zusammensetzt. Ganz besonders deutlich wird das in Gedichten – wer sich noch an die Schulzeit erinnert, hat vielleicht noch vage im Kopf, dass jeder Vers einen bestimmten Rhythmus hat. Das ist noch ein Rest aus vergangenen Zeiten, als Texte häufig mündlich überliefert wurden und seltener schriftlich. Ein Text, der eine Melodie hat, der einem Rhythmus folgt, prägt sich leichter ein und lässt sich daher besser auswendig lernen. Und es ist ja nicht schlecht, wenn jemand die besten Zitate aus deinem aktuellen Roman oder einprägsame Merksätze aus deinem Sachbuch beim Plausch mit den Kollegen zum Besten geben kann, oder?

Ein harmonisch komponierter Text prägt sich besser ein

Aber es geht jetzt nicht darum, Gedichte zu schreiben. Sondern darum, wie sich der Klang der Sprache, ihr Rhythmus und ihre Melodie auch im Roman und sogar im Sachtext nutzen lassen.

Fangen wir an mit dem Roman – und hier gleich mal bei dem wichtigsten Element in jedem Roman: Den Charakteren.

Meistens versehen wir unsere Romanfiguren mit Namen, die uns persönlich gefallen oder die eine bestimmte Bedeutung haben, aber tatsächlich hat ein Name unabhängig vom persönlichen Geschmack schon einen ganz eigenen Charakter, allein durch die Folge seiner Buchstaben.

Das hat Tradition.

Als ich ein Kind war, sinnierte mein Vater eines Tages, während das Radio lief, darüber nach, wieso es eigentlich Lieder über Veronika und Monika gab, aber kaum jemals eine Barbara besungen wurde.

Heute könnte ich ihm das erklären: Sowohl die Veronika als auch die Monika haben mit ihren Namen Glück gehabt, denn beide sind sehr klangvoll. Mit den drei sehr unterschiedlich klingenden Vokalen – Veronika hat sogar deren vier – bildet ihr Name allein schon eine kleine Melodie. Barbara dagegen mit den harten Konsonanten B und R, die noch dazu an einer Stelle aufeinanderfolgen – „rb“, ein Konsonantencluster – besitzt höchstens Rhythmus – und das ist nicht dasselbe. Wer möchte ein Liebeslied schon getrommelt hören?

Es gibt also Namen mit einem weichen Klang und Namen mit einem harten Klang. Achtet mal darauf, welche Namen eure Figuren tragen können, welche zu ihnen gut passen und welche weniger. Und das ganz abgesehen von persönlichen Vorlieben und Trends.

Jenny Mildner hat einen weichen Klang, obwohl drei Konsonanten in der Mitte aufeinander stoßen. Jobst Diercks hat den absolut nicht.

Veronika klingt melodisch. Kurt nicht so.

Rufus ist dunkel, Isabell – hell.

Zoe lässt sich nur in zartem Summen sprechen, Samuel hat einen sanften Nachklang.

Bei Mats kommt es auf den Kontext an, bei Marta ebenso. Vorsicht ist geboten bei Kombinationen wie „Marta Aretz“ – wenn der Vokal am Ende des Vornamens identisch ist mit dem am Anfang des Nachnamens, dann entsteht ein Aussprachehindernis – und auch das stört den Lesefluss.

Mach aus Wörtern klangvolle Sätze

Nun steckt der Klang eines Textes ja nicht nur in Einzelwörtern, er wird gebildet durch die gesamte Komposition, die Art und Weise, wie jeder einzelne Satz aufgebaut ist. Jedes Wort hat dabei eine andere Wirkung, je nachdem, in welchem Zusammenhang es steht, welche anderen Wörter sich in seiner unmittelbaren Nachbarschaft befinden, wie viele Kommas die Satzteile voneinander trennen.

In Kürze:

Justus stolpert.

Noah tanzt.

Lisa singt.

Jedes dieser drei Satzbeispiele hat einen anderen Klang. Hart das erste, mit wechselndem Rhythmus – passend zum Inhalt – das zweite, mit harmonischem Auf und Ab das dritte.

Noch deutlicher wird die Textmelodie bei Sätzen, die schon durch die Kombination der Wörter den Inhalt unterstreichen. Nicht nur Kinder haben großen Spaß, wenn das,  was der Satz aussagt, sich in der Lautfolge widerspiegelt.

Der ganze Kram kracht durch das Rattan-Regal.

Man kann es förmlich rattern hören – oder?

Noch ein ähnliches Beispiel:

Dass das Murks ist, hörst du bereits am Knacken.

Lauscht auf die Wörter – keine Harmonie, stattdessen harte Konsonanten, passend zum negativ belasteten Inhalt und zum Ereignis, das beschrieben wird.

Der Wortklang unterstreicht den Charakter einer Figur

Bleiben wir beim Roman. Die Textmelodie kann auch den Charakter und die Persönlichkeit einer Romanfigur unterstreichen. Und zwar nicht nur durch das, was sie sagt – sondern auch durch die Wörter, die sie dazu benutzt und durch den Klang, der dabei entsteht.

Wenn ich eine böse Zauberin habe, so kann die manche Worte zwischen zusammengebissenen Zähnen hervorzischen lassen:

„Es ist bereits Zeit …!“

Hört ihr es, das harte Zischen?

Aber wie anders klingt es, wenn eine Romanfigur sagt: „Du solltest eilen!“

Das ist ein Satz, der seine volle Wirkung erst entfaltet, wenn er geflüstert wird. Seht ihr die Elfe, die schemenhaft zwischen den Bäumen erscheint, während die Heldin in höchster Not ist? Ihre Stimme ist klar und verständlich und dennoch kaum mehr als ein sanftes Streicheln, vom Wind beinahe schon davongetragen, als sie die Worte dahinhaucht: Du solltest eilen …

Der Satz: „Es ist bereits Zeit!“ strotzt nur so vor Zischlauten und harten Konsonanten. Selbst wenn die Worte nicht verständlich wären, ließe sich am Klang der Stimme erkennen, dass hier nichts nett gemeint ist. Wäre dieser Satz als freundliche Erinnerung gedacht, dann würde er lauten: „Es ist spät!“ Oder „Es ist schon so weit“ oder ganz schlicht „Beeil dich!“

Verlassen wir die Elfen und die Zauberin für einen Moment und begeben wir uns ganz woanders hin. Zu einem Boxkampf.

Angetreten sind zwei Meister ihrer Klasse, der Kampf wird hart, das wissen alle, die zuschauen. Die Halle ist gefüllt. Die Stimmung auf dem Siedepunkt. Ein Zeichen vom Ringrichter, und der Kampf beginnt. Trappelnde Füße treffen auf atemlose Stille. Hin, her, kein Ausgleich, noch einmal zurück, wieder nichts. Alle starren gebannt, die beiden Kämpfenden hoch konzentriert. Da – ein Ausholen, ein Treffer, und von da an geht es wie Kanonenfeuer, Treffer auf Treffer. Links, rechts, links rechts, ausweichen, ducken, nur nicht nachgeben, endlich ein Trommelfeuer der Schläge, wieder und wieder und wieder, dann eine Faust, die durch die Luft schnellt …

Aus.

Schnell, atemlos, abgehackt, so wie der Kampf, der stattfindet, so wird auch der Satz aufgebaut, ein Stakkato an kurzen Sätzen, Aufzählungen, harte Konsonanten – der Kampf wird nicht nur durch den Inhalt vermittelt, sondern auch durch die einzelnen Wörter und den Aufbau der Sätze.

Lies deinen Text laut!

Wie aber findest du heraus, ob dein Text richtig klingt?

Durch Übung. Und die bekommst du am besten durch lautes Vorlesen. Nicht nur deines eigenen Textes, auch beim Vorlesen fremder Texte. Beim lauten Lesen bemerkst du viel eher, wo ein Text harmonisch klingt und wo komplizierte Schachtelsätze oder ungünstige Konsonantenfolgen den Fluss stören, als wenn du lautlos nur die Zeilen überfliegst.

Du wirst keinen 400-Seiten-Fantasyroman am Stück laut lesen wollen. Das ist auch nicht nötig. Nimm dir einen Text in einzelnen Abschnitten vor, oder in einzelnen Kapiteln. Oder lass dir deinen eigenen Text vorlesen, die meisten Programme bieten diese Möglichkeit.

Mein Tipp als Schreibcoach heute: 😊

Laut lesen, um deinem Text besser zuzuhören, und die passende Schreibmelodie finden.

5 Kommentare zu „Textmelodie – bring dein Buch zum Klingen!“

  1. Liebe Emma, das ist ja wieder ein wunderbarer Text von dir – vielen Dank dafür!!! Tolle Vergleiche und auch die IDee, den Text laut vorzulesen gefällt mir sehr gut 🙂

  2. Vielen Dank für die Tipps und die witzigen Beispiele! Ich hab inzwischen auch die Windows-Vorlesefunktion für mich entdeckt, auch wenn die Betonung manchmal zu wünschen übrig lässt 😉

    1. Vielen Dank für das Lob! Selber laut lesen ist noch viel besser 🙂 Das hab ich jahrelang praktiziert, als ich noch wöchentlich Romane geschrieben hab, und inzwischen ist das schon ein Automatismus.

      1. Das mach ich auch, weil ich auch oft mit jemandem gemeinsam lese. Aber vielleicht höre ich ja beim nächsten Mal noch genauer hin…

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