Show don't tell

Das „Show, don’t tell“-Prinzip

Einer der wichtigsten Schreibtipps für Autoren und Autorinnen, ohne den kein Schreibratgeber auskommt, lautet:

Nutze Show, don’t tell.

Auf Deutsch heißt das sinngemäß:

Zeig es, behaupte es nicht einfach.“

Klingt einfach. Aber was bedeutet das in der Praxis, beim Schreiben?

Ich zeige dazu mal zwei Beispiele.

Stell dir bitte zwei verschiedene Szenarien vor.

Szene eins: Ein Mann, nennen wir ihn Paul, flüstert seiner Freundin Marie allabendlich „Ich liebe dich“ ins Ohr. In der übrigen Zeit des Tages allerdings verhält er sich oft so, als hätte er völlig vergessen, dass Marie existiert. Paul kommt zu spät, wenn sie verabredet sind. Er vergisst, dass ihre Schwester sie beide zum Geburtstagsessen eingeladen hat, und geht mit einem Kollegen nach dem Job noch was trinken. Als Marie jemanden braucht, um den alten Schrank in den Keller zu tragen, hat Paul eine Zerrung in der Schulter, kann am nächsten Tag aber zum Handballtraining gehen. Marie wundert sich – was soll sie davon halten? Paul sagt doch immer: „Ich liebe dich!“

Szene zwei: Ein Mann, nennen wir ihn Pieter, ist eher von der schweigsamen Sorte. Seine Freundin heißt zufällig auch Marie und wünscht sich manchmal mehr Diskussionen, mehr Erklärungen, aber so ist Pieter nicht.  Pieter ist der Mann, der am Donnerstag etwas früher aus dem Büro nach Hause kommt, weil seine Freundin donnerstags frei hat und sie dann Gelegenheit haben, den Schrank zusammen in den Keller zu schleppen, der ihr schon so lange im Weg steht. Pieter ist der Mann, der, wenn er in einem bestimmten Teil der Stadt unterwegs ist, nie vergisst, ihr von dem Bäcker dort ihren Lieblingskuchen mitzubringen, weil es den sonst nirgends in der Nähe gibt. Und wenn sie mit einer dicken Erkältung eingemummelt auf dem Sofa liegt, dann stellt Pieter ihr eine Thermoskanne mit Tee und eine Kleinigkeit zum Essen ans Krankenlager, ehe er ins Büro fährt, damit sie nicht unnötig aufstehen muss. Nur die magischen drei Worte, die kommen von ihm nicht.

Meine Frage an dich: Wer wirkt glaubwürdiger in der Rolle als liebender Mann?

Genau. War nicht schwer, oder? Paul ist der, der nur behauptet. Pieter ist der, der seine Liebe zeigt. Zeigen wirkt einfach überzeugender als ein paar dahingesagte Worte.

Und genauso funktioniert das Show-don’t-tell-Prinzip. Es wird nicht einfach nur hingeschrieben, was eine Figur im Roman fühlt und wie ihr gerade zumute ist. Stattdessen wird sichtbar gemacht, was in ihr vorgeht, indem beschrieben wird, was sie in dieser Situation tut. Wie sie sich bewegt, ihre Gestik oder Mimik.

Im Roman Gefühle vermitteln

Sinn und Zweck im Roman ist es dabei, mit Show don’t tell Nähe zu den handelnden Personen zu erschaffen, und das wird erreicht, indem Gefühle vermittelt werden. Eine Geschichte, die ihre Leser und Leserinnen in den Bann ziehen soll, muss sie emotional ansprechen. Sie muss sie nicht nur auf der Ebene des Verstandes erreichen, sondern auch auf der Gefühlsebene.

Über den Verstand lesen und verstehen wir die Worte, die aufgeschrieben wurden. Aber um mit den Charakteren im Roman mitgehen zu können, müssen wir nachfühlen können, warum sie gerade das tun, sagen oder denken. Und das Wichtigste an einer Geschichte sind nun mal die handelnden Figuren.

Das Wichtigste im Roman sind die Charaktere

Klar, der Plot muss stimmen. Wenn im Krimi die Suche nach dem Mörder nicht logisch verläuft, ist das ärgerlich. Aber vermutlich würde es uns selbst in der Königsdisziplin der logischen Handlungsverläufe nicht auffallen, wenn nicht alles immer ganz stimmig ist, solange die Figur der ermittelnden Kommissarin so faszinierend gestaltet ist und ihre Beziehung zum Hauptverdächtigen, dem sie vor vielen Jahren schon einmal begegnet ist, so voller Spannung. Welches Geheimnis teilen die beiden? Und wie kommt es, dass sie einander immer noch wortlos verstehen können, wenn sie sich doch angeblich seit fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen haben? Da kann selbst der Mord, um den es geht, schnell mal in Vergessenheit geraten. Weil wir mit den Figuren mitfiebern.

Und dafür müssen wir in jedem Augenblick bei ihnen sein und jeden Schritt in ihrer Entwicklung mitgehen können. Das zu erreichen, ist die Aufgabe des Autors/der Autorin. Und das geht am besten, wenn .wir unseren Lesern und Leserinnen Zugang zur eigenen Kreativität verschaffen, zum eigenen kreativen Denken.

Leserinnen und Leser miteinbeziehen

Wenn ich beschreibe, was in einer Szene passiert, dann werden Leser und Leserin zu Zuschauern, beobachten selbst und können eigene Schlüsse aus dem ziehen, was sie sehen – eine eigene Interpretation der Ereignisse finden. Das heißt, ich beziehe sie viel mehr mit in die Handlung ein, als wenn ich ihnen nur vorsetze, was sie sehen müssen. Bei Show, don’t tell beobachten sie selbst, versuchen, die richtigen Schlüsse zu ziehen, sind gespannt darauf, ob sie wohl recht haben oder nicht, und warten auf die Auflösung der Situation. Wenn uns das gelingt, dann haben wir unsere Leser und Leserinnen fest in den Bann unserer Geschichte gezogen, denn sie sind den Schritt gegangen vom reinen Konsumieren eines Buchs zum Mitmachen, Mitfühlen, Miterleben.

Beispiele für „Show, don’t tell“

Neues Beispiel, neue Szene: Es ist Nacht. Eine Straße zwischen Wohnblocks, alle Fenster sind schon dunkel, nur hinter einem brennt noch Licht. Unter der Straßenlaterne steht ein Mann, ab und zu sieht er nach oben zu dem einzigen erleuchteten Fenster, dann wieder blickt er die Straße hinunter, immer wieder, schließlich zieht er ein Smartphone aus der Tasche und sieht darauf, der Bildschirm verleiht seinem Gesicht einen grünlichen Schimmer.

Der Leser merkt: Hier wartet jemand. Er ist ungeduldig. Wirkt nervös. Worauf wartet er? Dass jemand von oben herunterkommt? Aus der Wohnung, in der noch Licht brennt? Oder auf ein Auto, das ihn abholt? So entsteht Spannung – kein einziges Mal wird das Wort „warten“ erwähnt, und auch von „ungeduldig“ steht da nichts. Das ergibt sich aus dem Ablauf der Szene. Hier wird etwas beschrieben, nicht einfach nur behauptet, und Leser und Leserin stehen mitten im Geschehen.

Eine andere Szene, in zwei Varianten.

Variante 1: X ist wütend, rennt die Straße hinunter bis vor sein Haus, sucht ungeduldig die Schlüssel in der Tasche, schließt auf und verschwindet im Haus.

Variante 2: Mit hochrotem Kopf rennt X die Straße hinunter bis vor sein Haus. Kaum schafft er es, den Schlüssel aus der Tasche zu angeln, so sehr bebt er noch immer am ganzen Körper. Endlich gelingt es ihm, er schließt auf, stürmt ins Haus und schlägt die Tür so heftig hinter sich zu, dass die Fensterscheiben klirren.

In Variante 1 behaupte ich etwas: X ist wütend und ungeduldig. Das präsentiere ich so allen, die es lesen, als Fakt. Das ist so.

In Variante 2 beschreibe ich etwas und biete meinen Lesern und Leserinnen Möglichkeiten. X könnte wütend sein oder vielleicht auch schockiert von irgendetwas, das gerade passiert ist. Welche Möglichkeit zutrifft, das ergibt sich entweder aus dem, was vorher geschehen ist, oder die Erklärung folgt erst danach. In diesem Fall wird die Neugierde geweckt.

In der ersten Version präsentiere ich den Lesern und Leserinnen, was passiert. Sie müssen nicht nachdenken, sie sehen einfach zu. Die Wut, die Ungeduld mitzuempfinden, das ist hier kaum möglich. In der zweiten Version ist das anders. Alle sehen das gerötete Gesicht, die bebenden Finger, ahnen, wie lange es dauert, den Schlüssel aus der Tasche zu angeln, hören den Knall, mit dem die Tür ins Schloss fliegt, und ziehen eigene Schlüsse daraus. Leser und Leserinnen erleben die Ereignisse mit.

So funktioniert Show don’t tell.

Natürlich wird eine Szene auf diese Weise lang und länger, und nicht jeder Szene tut das gut. Deswegen: Show, don’t tell ist kein Gesetz, sondern nur ein Schreibtipp. Welche Wirkung mit einer knappen, kurzen Szene erreicht werden kann, das beschreibe ich dann in einem anderen Beitrag.

Auf Facebook und Instagram weise ich regelmäßig auf Neuigkeiten hin. Folgt mir dort, dann verpasst ihr nichts!.

Falls ihr dazu Fragen habt, nutzt einfach das Kontaktformular hier oder schreibt direkt an emma.b.sommerfeld@gmail.com

4 Kommentare zu „Das „Show, don’t tell“-Prinzip“

  1. Liebe Emma, vielen Dank für diese genialen Beispiele! Das gilt ja nicht nur für’s Romane Schreiben, sondern genauso für Storytelling im Copywriting. 😉 Sehr anschaulich. Liebe Grüße! Céline

  2. Liebe Emma,
    vielen Dank für diesen wundervollen Inhalt Deines Artikels, der mir auf so leichte Weise von Dir vermittelt wird. Ich ziehe sehr viel Nützliches für meine eigenen Texte daraus. Und wer weiß… vielleicht verfasse ich eines Tages das Buch, dass ich als junge Frau schon schreiben wollte… 🙂
    Herzliche Grüße
    Alexandra

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